Kunstsammlung
Der rote Vorhang oder Hommage à Vincent
Das bedrohliche Rot des schweren Vorhangs beherrscht das Bild und teilt es in einen hinteren und vorderen Abschnitt. Letzterer wird bestimmt durch den Mann, der in verkrampfter Haltung auf dem Boden liegt, Arme und ein Bein angewinkelt, die Fäuste geballt, Augen und Mund aufgerissen; man spürt als Bildbetrachter die Tonuserhöhung, die Versteifung des liegenden Körpers. Der Kundige und Erfahrene erkennt: Hier ist die tonische, die "Verkrampfungs"-Phase eines großen epileptischen Anfalls dargestellt.
Der Gestürzte ist der Maler Vincent van Gogh – nicht nur der Untertitel des Bildes ("Hommage à Vincent" ["Vincent zu Ehren"]) gibt die Identität des Mannes preis sondern auch Details des Gemäldes: das ärmliche Mobiliar (das das Zuhause van Goghs in Arles kennzeichnete), die Farb-Palette auf dem Tisch (die den Beruf des Liegenden verrät), der (umgestürzte) gelbe Stuhl (häufiges Motiv der "Interieur-Bilder" des niederländischen Malers) und schließlich die roten Kopf- und Barthaare des Mannes, die sich auf manchen Selbstbildnissen van Goghs wiederfinden.
Vincent van Gogh (1853 – 1890) litt an einer Epilepsie; er gehört somit der gar nicht so kleinen Gruppe der "prominenten Epilepsiekranken" an (wie z.B. auch Caesar, Napoleon oder Dostojewskij). Vieles spricht dafür, dass van Gogh an einer fokalen Epilepsie gelitten hat, die mit elementar-fokalen und partial-komplexen ("psychomotorischen") Anfällen einherging. Beide Ärzte, die van Gogh in seinen beiden letzten Lebensjahren wegen seines "Nervenleidens" behandelt haben – sowohl Dr. Rey (im Krankenhaus Arles) als auch Dr. Peyron (in der Heilanstalt für Nerven- und Geisteskranke in St. Rémy) – halten die Epilepsie als Krankheitsdiagnose in ihren ärztlichen Aufzeichnungen fest. Und beide Ärzte behandeln den kranken Maler folgerichtig mit Brom-Kalium, der damals einzigen bekannten anfallhemmenden Substanz. (Dieses Medikament erwähnt van Gogh übrigens auch in den Briefen an seinen Bruder Theo.)
Van Gogh selbst hat seine epileptischen Anfälle als eine schwerwiegende, sehr belastende Störung empfunden: "Mit der Arbeit ging es gut", schreibt er an seinen Bruder, "das letzte Bild waren Blütenzweige; Du wirst sehen: Unter meinen Arbeiten vielleicht das, was ich am geduldigsten und besten gemacht habe – mit Ruhe und in einer größeren Sicherheit des Pinselstrichs gemalt. Und am nächsten Tag hingeschmissen wie ein Vieh."
Der Schöpfer des hier gezeigten Bildes* ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass das Ölgemälde etwa 1965 im Rahmen einer Maltherapie in einer Institution für Anfallkranke entstanden ist; der Künstler (oder die Künstlerin) hat also wohl selbst an einer Epilepsie gelitten und muss die Lebensgeschichte und das künstlerische Werk des "Leidensgenossen" van Gogh gut gekannt haben. Möglicherweise spiegelt die Intensität der roten Farbe des Vorhangs die eigene Bedrohung wieder, die der Maler dieses Bildes in seinem eigenen Leben durch die Auswirkungen seiner Krankheit erfahren hat – das Rot, das seit Jahrhunderten auf entsprechenden künstlerischen Darstellungen immer wieder an den Einfluss und die Macht von Krankheitsdämonen und bösen Geistern gemahnt (gerade im Zusammenhang mit der gefürchteten Epilepsie). Das intensive Rot wird gemildert durch den blauen Himmel, der zwischen den Vorhang-Teilen hindurch leuchtet – vielleicht ein Hoffnungsschimmer? Aber auch dieser Trost wird wieder relativiert durch die schwarzen Vögel, die durch das Blau ziehen – erneut Reminiszenz an ein Bild van Goghs, an sein letztes, das er kurz vor seiner Suizidhandlung im Juli 1890 gemalt hat: "Weizenfeld mit Raben".
Dieses hier vorgestellte anonyme Bild ist zum einen ein eindrückliches Dokument für den Versuch eigener Krankheitsbewältigung, zum andern für die Solidarität mit anderen Anfallkranken. Nicht von ungefähr hat die ‚Stiftung Michael', die sich seit Jahren der Belange epilepsiekranker Menschen annimmt, dieses Bild zu ihrem Logo erwählt.
*Das Original des Bildes hängt im Deutschen Epilepsiemuseum Kork












