Kunstsammlung
Das Epilepsiemotiv in der sakralen Kunst
In allen Epochen der Menschheitsgeschichte werden Not, Unglück, Krankheit und Leid immer wieder mit höheren Mächten, Göttlichem, personellen Gottheiten oder ‚Geistern' in Verbindung gebracht. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Epilepsie, für deren häufig dramatische Symptomatik die Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ebenso wenig eine natürliche Erklärung finden konnten wie für ihre Ursache.
Schon die unterschiedlichen Namen, die diese Krankheit in der medizinischen Fachsprache und im Volksmund in den verschiedenen historischen Epochen erhalten hat, sprechen für diese vermutete Beziehung zwischen Epilepsie und Übernatürlichem: hiëra nosos (griechisch) bzw. morbus sacer (lateinisch): die heilige Krankheit; morbus divinus die göttliche, morbus deificus die von Gott gemachte, morbus coelestis die himmlische Krankheit; oder morbus astralis die Sternen- und morbus lunaticus die Mond-Krankheit.
Gerade im mittelalterlichen deutschen Sprachraum weisen viele umgangssprachliche Epilepsiebegriffe sehr nachdrücklich auf die von Glauben und Aberglauben geprägte Beziehung zwischen ‚Fallsucht' und übernatürlicher, göttlicher Kraft hin: Zuchtrute Christi, Gewalt Gottes, schedelnde (schüttelnde) Gottesstraf, dat hillig (Mecklenburg). Selbst der in Süddeutschland durchaus noch gängige Begriff ‚Gichterle' für epileptische Anfälle im (Klein-) Kindesalter weist noch auf den vermuteten übernatürlichen (wenn auch nicht göttlichen sondern eher dämonischen) Krankheitsauslöser hin: ‚gichtige Krankheit' (‚Gichterle ist ein Diminutivum dieses Begriffs) bedeutet so viel wie ‚angehexte, angezauberte Krankheit'.
Nach den Vorstellungen der mittelalterlichen christlichen Volksfrömmigkeit hatte Gott sowohl die Macht, die Epilepsie dem Menschen aufzuerlegen (als Strafe, Sühne, Anruf), als auch von ihr zu befreien. Somit war Hilfe gegen diese Krankheit weniger beim Arzt als bei Gott, weniger bei der Medizin als im christlichen Glauben zu finden. Neben Christus selbst wurden auch seine Heiligen häufig um Hilfe gegen die ‚fallende Krankheit' angerufen – in der Hagiotherapie (‚Behandlung mit Heiligem und Heiligen') gab es ausgewiesene ‚Epilepsiespezialisten', deren wichtigster – im deutschen Sprachraum – der Heilige Valentin war und bis in die heutige Zeit geblieben ist.
Das Valentinspatronat über die Epilepsie ist wahrscheinlich auf den Namen des Heiligen zurückzuführen: ‚Valentin' hat lautliche Ähnlichkeit (wenn auch keine etymologische Verwandtschaft) mit dem deutschen Wort ‚fallen'. ("Valentin – fall net hin!", ist ein volkstümlicher Wunsch für Anfallkranke. – "Bei dem ist heute wohl Valentinstag!", heißt es noch heute im Volksmund über einen Menschen, dem aus Ungeschicklichkeit zum wiederholten Mal etwas aus der Hand gefallen ist.)
Im europäischen Mittelalter verlieh der deutschsprachige Volksmund der Epilepsie zahlreiche Namen, die mit dem Valentinspatronat in Zusammenhang standen: Sankt Veltins (Valentins) Krankheit, St. Valentins Rache, St. Valentins Siechtum, St. Veltins-Bresten (Gebrechen) oder – latinisiert – morbus Sancti Valentini. (Auf den Heiligen Valentin und sein Patronat über die Epilepsie wird im Rahmen eines gesonderten Beitrags dieser Reihe noch näher einzugehen sein.)
Aus den erwähnten sprachlichen Gründen ist es verständlich, dass in Ländern mit christlicher Tradition, in denen aber nicht überwiegend deutsch gesprochen wurde, der Heilige Valentin als ‚Fallsucht-Patron' kaum eine Rolle spielte. In Frankreich war z. B. der Heilige Johannes ein wichtiger Helfer gegen die Epilepsie (mal de Saint Jean), in den angelsächsischen Ländern, insbesondere im katholischen Irland, war es der Heilige Paulus (Saint Paul's disease).
Vor diesem Hintergrund verwundert es also letztlich nicht, wenn wir in unterschiedlichen Epochen und Kulturen häufig künstlerischen Darstellungen mit der thematischen Verknüpfung ‚Gottheit und Epilepsie' begegnen – bei den alten Ägyptern ebenso wie bei den Hindus in Alt-Indien, den Inkas in Mittelamerika oder bei den mittelalterlichen Christen in Europa.
Der göttliche Tänzer
Bei den Hindus wird von Kranken häufig der mächtige Gott Shiva angerufen, der Krankheiten bringen und vertreiben kann.
Diese hier wiedergegebene, im Original etwa ein Meter große Statue stellt Shiva als ‚göttlichen Tänzer' dar, der mit einem Fuß auf dem Rücken des Dämons ‚apasmâra' steht und ihn so besiegt. Im Alten Indien war ‚apasmâra' ein böser Epilepsie-Gott. In der alt-indischen medizinischen Caraka-Schrift (6. Jahrhundert n. Chr.) wird der Name dieses Dämons gleichbedeutend mit der Krankheit ‚Epilepsie' verwendet. Es werden dabei vier ‚apasmâra-Variationen' (vier verschiedene Epilepsie-Arten mit unterschiedlichen Erscheinungsformen) aufgezählt – und gegen alle konnte der tanzende Gott Shiva helfen!
(Die hier abgebildete Shiva-Statue [Bronze, 11. Jh., Südindien] steht im Musée Guimet, dem Museum für asiatische Kunst, in Paris.)
Eine Epilepsie-Göttin aus Mittelamerika
Die aztekische Göttin Tlazolteotl konnte gleichfalls die Epilepsie herbeiführen – oder auch von ihr verschonen. Durch ihr Eindringen in den Menschen konnte sie diesen in Krämpfe fallen lassen. Auf der hier wiedergegebenen Tapisserie (Privatbesitz) wird die Göttin selbst als personifiziertes epileptisches Geschehen dargestellt: schaum- und blutspeiender Mund, triefende Augen im geröteten Gesicht, verdrehte und ‚verkrampfte' Füße.
Heilung des ‚mondsüchtigen’ Knaben
Die hier wiedergegebene Darstellung aus dem Evangeliar Kaiser Otto III. nimmt Bezug auf die Heilung des ‚mondsüchtigen' (epileptischen) Knaben, wie sie in den Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas beschrieben ist. "Herr, erbarme Dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser", heißt es im 17. Kapitel des Evangeliums nach Matthäus. "Und ich habe ihn zu Deinen Jüngern gebracht, und sie konnten ihm nicht helfen."
Die über 1000 Jahre alte Buchmalerei zeigt die sich an die Bitte des Vaters anschließende Heilung: Mit eindringlicher Gebärde befiehlt Christus dem Krankheitsdämon, von dem Jungen, der in reklinierter, ‚verkrampfter' Position vom Vater gehalten wird, abzulassen und aus dem Kranken auszufahren. Christi Jünger schauen, gleich dem Vater, mit großen, erstaunten, aber doch hoffnungsvollen Augen auf Christus. "Und der böse Geist", heißt es weiter bei Matthäus, "fuhr aus von ihm, und der Knabe wurde gesund zu derselben Stunde."
'Fallsucht-Schutzpatron' Valentin
Das Gemälde, das Lucas Cranach d. Ä. um 1502 gemalt hat, und das in der Akademie der bildenden Künste in Wien aufbewahrt wird, zeigt den frühchristlichen Hl. Valentin von Terni (Mittelitalien) in prächtigem Bischofsornat. Hinter seinem Rücken, nahezu aus dem Bild hinausgedrängt, liegt der Epilepsiekranke in seinem Anfall. Seine fast grob dargestellten Gesichtszüge mit dem weit aufgerissenen Mund stehen in auffallendem Kontrast zu der zart wiedergegebenen knienden Stifterfigur vor dem Heiligen. Der Baum über dem ‚Fallsüchtigen' zeigt kaum noch Grün; die blattlosen dürren Äste können, ebenso wie die randständige Position des Kranken, durchaus als Metapher für die soziale Situation des Anfallkranken angesehen werden.; auch hier ist der Gegensatz zu den symmetrisch dazu dargestellten prächtigen, palastähnlichen Bauten über der Stifterfigur auffallend.












