Kunstsammlung
Die Symbolwelt der Epilepsie
Eine chronische Krankheit kann den Lebensweg eines Menschen entscheidend beeinträchtigen – insbesondere dann, wenn es nicht gelingt, das Leiden medizinisch befriedigend zu beeinflussen und/oder die krankheitsbedingten psycho-sozialen Nachteile zu beseitigen oder zumindest auszugleichen.
In seiner Zeichnung ‚Die Symbolwelt der Epilepsie' (publiziert in dem Bildband ‚Epilepsie im Bild' von D.-M. Brandt, Wehr, 1985/86) hat der Künstler K. Geier die Epilepsie wie ein mächtiges Bergmassiv in den (Lebens-) Weg des Betroffenen gestellt. Ein Übersteigen der schroffen Berggipfel, die von schwarzen Krähen – Symbol für drohendes Unheil – umkreist werden, erscheint unmöglich. Mittel, die von alters her gegen die Epilepsie eingesetzt werden, bieten keine Hilfe, das Gebirge zu überwinden oder es zu durchdringen: Weder der Heilige Valentin, der wichtigste Schutzpatron gegen die ‚Fallsucht' im christlichen Mittelalter (hier ist der berühmte Holzschnitt von Lucas Cranach d. Ä. aus dem Jahr 1509 wiedergegeben), noch ExVoto-Tafeln, die die christlichen Heiligen zur Fürsprache bei Gott für den Kranken anregen sollten, noch die Päonie, die Pfingstrose, die schon in antiker Zeit als anfallhemmendes Phytotherpeutikum (Pflanzen-Heilmittel) versucht wurde. Auch der an der Päonie hängende und in ihrem Pflanzengeflecht verfangene ‚Fraisenschlüssel', der in manchen Gegenden Süddeutschlands bis weit in die Neuzeit als ein Heilmittel gegen ‚Fraisen' (‚Krämpfe' bei kleinen Kindern) angewandt wurde, erweist sich als nicht brauchbar. (Dieser Schlüssel, dem nach dem Glauben vieler, vor allem ländlicher Christen in Bayern und in der Steiermark durch Berührung mit einer Heiligen-Reliquie eine besondere Heilkraft zukam, sollte die im Krampf zusammengepressten Kiefer allein durch das Auflegen aufs Gesicht wieder ‚aufschließen' können.)
Und schließlich macht auch die Figur des Erhängten am rechten Bildrand - dargestellt neben einem zugemauerten und mit Brettern vernagelten Gang - deutlich, dass der von der Antike bis ins 19. Jahrhundert belegte Brauch, das Blut Hingerichteter als ‚Fallsucht-Mittel' zu trinken, keine probate Methode zur Epilepsiebehandlung darstellt. Der Berg ist zu steil, die Durchgänge durchs Gebirge sind verrammelt, die angewandten ‚Heilmittel' bringen keine Hilfe.
Nur ein Gang scheint tatsächlich mit Aussicht auf Erfolg durch das Bergmassiv zu führen – im Hintergrund ist ein Hoffnung signalisierender heller Schein zu sehen (‚Licht im Tunnel'). Was lässt diesen schmalen Gang zu einem erfolgversprechenden Weg werden? Die Deutung, die der Künstler möglicherweise geben wollte, ist nicht dokumentiert – aber vielleicht ist das ‚T' über dem Eingang der Hinweis auf die allein mögliche Hilfe: T' als Kürzel für die moderne medizinisch-wissenschaftliche Therapie, wie sie im Jahre 1982, dem Entstehungsjahr dieses Bildes, mit einer großen Aussicht auf Erfolg bereits möglich war – insbesondere durch den Einsatz moderner Antiepileptika.












