Neue Auflage: Desitin Bildschirmschoner Kunstsammlung

Kunstsammlung

Karolingisches Fresko

Karolingisches Fresko
Karolingisches Fresko (ca. 9. Jahrhundert) aus der Silvester-Kapelle in Goldbach bei Überlingen am Bodensee.

Im Neuen Testament der Bibel haben die Krankenheilungen Christi einen besonderen Stellenwert. Vor allem für den Christen des Mittelalters, der mit seinen akuten Krankheiten und chronischen Leiden bei den mediävalen Ärzten nur selten medizinische Hilfe oder gar Heilung finden konnte, bedeuteten diese Heilungsberichte oftmals Trost und Hoffnung.

Da der "durchschnittliche" mittelalterliche Christ des Lesens nicht mächtig war, kam der darstellenden Kunst eine große Bedeutung als "Übersetzung" des Bibeltextes für den Leseunkundigen zu. Vor allem die zahlreichen Wunder, die Christus in den etwa drei Jahren seines öffentlichen Auftretens vollbrachte – insbesondere die Krankenheilungen – , waren in der Kunst des Mittelalters häufig wiedergegebene Themen. Schon auf Darstellungen aus dem frühen Mittelalter begegnen wir solchen Heilungsmotiven (s. auch das Beispiel aus ottonischer Zeit im Beitrag "Das Epilepsiemotiv in der sakralen Kunst (I)" im Rahmen dieser Kunst-Serie).

Das hier gezeigte Fresko stammt aus karolingischer Zeit (ca. 9. Jahrhundert) und findet sich in der Silvester-Kapelle in Goldbach bei Überlingen am Bodensee. Die Darstellung zeigt einen Mann, der offensichtlich nicht in der Lage ist, selbständig zu stehen oder gehen, seine Gliedmaßen sind verdreht; er wird von zwei Personen gehalten, wobei vor allem die links Abgebildete versucht, dem "Patienten" mit ihrem linken Arm eine unterstützende Hilfe im Rücken zu geben. Im Vordergrund, von Jüngern begleitet, steht Christus (mit rundem, strahlengeschmücktem Nimbus), der sich mit Haltung, Blick und segnender Gebärde dem Kranken zuwendet. Der Heilungsvorgang scheint von Erfolg gekrönt zu sein, denn der krankheitsverursachende böse Geist verlässt den Kranken durch dessen Mund, der gerade noch von einer Klaue des fliehenden Dämons berührt wird.

Dass es sich bei dem "Patienten" tatsächlich um einen Epilepsiekranken handelt, ist zwar nicht zweifelsfrei; das offensichtlich akute Krankheitsgeschehen mit der Unfähigkeit des Kranken, "sich auf den Beinen zu halten", die verdrehten Gliedmaßen und die Flucht des Krankheitsdämons aus dem Mund (man vermutete im Mittelalter den Epilepsiedämon im ausgestoßenen Schaum des Anfallkranken) sprechen aber dafür, dass hier tatsächlich die Heilung eines "Mondsüchtigen" ("Fallsüchtigen") dargestellt ist.

Die Gemäldezyklen in der Goldbacher Kapelle waren um die vorletzte Jahrhundertwende freigelegt worden und wurden in den letzten Jahren nochmals sorgfältig restauriert.