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Kunstsammlung

Das Epilepsiemotiv in der Literatur (I)

 
Die Beschreibung und Ausdeutung von Leid in Form von Schmerz, Krankheit und Behinderung spielen in der schön-geistigen Literatur zahlreicher kultur-historischer Epochen eine bedeutende Rolle. Dieser Aspekt menschlichen Seins wird von den einzelnen Autoren meist in sehr unterschiedlicher Weise eingesetzt - sei es als richtungsweisender Faktor in einem Handlungsgefüge, als Metapher oder auch als kathartisches Moment. "Das Leiden macht den Menschen hellsichtig und die Welt durchsichtig." Diese Sinngebung, die der Psychiater und Psychotherapeut Victor Emil Frankl im letzten Jahrhundert so formuliert hat, mag für manche Dichter und Schriftsteller bewusste oder unbewusste Motivation für die Verwendung des Leidgedankens in ihren Werken sein.
Es ist erstaunlich, wie häufig gerade die chronische Krankheit Epilepsie ihren Niederschlag in der Dichtkunst findet.

Zwei Gründe sind wohl für diese überraschend häufige Präsenz des Epilepsiethemas ausschlaggebend: Zum einen die Prävalenz (Häufigkeit) dieser Krankheit (sie beträgt heute weltweit etwa 0,5-1 % und war in früheren Jahrhunderten sicherlich nicht geringer), zum andern die beeindruckende Symptomatik des Prototyp epileptischen Geschehens, des großen Anfalls (Grand mal).


 

Fjodor M. Dostojewskij - epilepsiekranker Dichter und Schöpfer mehrerer anfallskranker Romanfiguren

Dostojewskij

 

Bereits in schriftlichen Zeugnissen aus vorchristlichen Jahrhunderten finden sich Hinweise auf die Epilepsie, so z. B. im Alten Testament – u. a. im vierten Buch des Pentateuch (Numeri [9./8. Jh. v. Chr. ]), wenn der Seher Bileam immer wieder als ‚fallend' bezeichnet wird; oder in Aischylos' Orestie (um 500 v. Chr.), wenn Kassandras prophetische Aussagen von den Phänomenen Schaum, Krampf und Ausspucken von Blut begleitet werden. Es ist tatsächlich auffallend, wie häufig in der Literatur Epilepsie in die Nähe von Prophetie gerückt wird (divinatio – Weissagung – war im alten Rom ein Synonym für Epilepsie; diese Beziehung hat sich in einem französischen Epilepsiebegriff erhalten: mal des prophètes). Auch in der modernen Literatur wird diese Konnexion – epileptische Symptomatik und Prophetie – immer wieder hergestellt, z. B. in Thomas Manns Joseph und seine Brüder (1933); Christa Wolfs Kassandra (1983); bei den Epilepsiegestalten Myschkin (Der Idiot [1868/69]) und Murin (Ein junges Weib [1847]) Dostojewskijs; in Isabel Allendes Von Liebe und Schatten (1984) oder in Amos Oz' Roman Eine Frau erkennen (1989).

 

"Epilepsiebehandlung" im Neuen Testament: Christus heilt den 'mondsüchtigen' Knaben

Christus heilt einen Fallsüchtigen (Ausschnitt)

In der antiken Literatur stoßen wir außer bei Aischylos beispielsweise auch bei Plautus, in dessen Komödie Die Gefangenen(um 200 v. Chr.) der große epileptische Anfall mit einem Amoklauf in Verbindung gebracht wird, bei Xenophon von Ephesos, der in der Liebesgeschichte Abrokomes und Anthia, die Liebenden von Ephesos (2. Jahrhundert nach Christus), einen simulierten epileptischen Anfall beschreibt, und bei Apuleius von Madaura, in dessen Apologia (157/158 n. Chr.) erstmals die Flackerlicht-Empfindlichkeit (Fotosensibilität) mancher Epilepsiekranker ausführlich beschrieben wird. Im Neuen Testament der Bibel lassen die Krankheitssymptome, die die drei Synoptiker-Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas) beschreiben, keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem mondsüchtigen Knaben, der von Christus durch eine Dämonenaustreibung geheilt wird, um einen epilepsiekranken Jungen handelt. Auch in der mittelalterlichen Literatur ist das Epilepsiemotiv gelegentlich zu finden, so z. B. in der alt-französischen Liebesgeschichte von Aucassin und Nicolette eines anonymen Autors (13. Jahrhundert), in der der Anblick eines entblößten schön geformten Beines einer jungen Frau einen fallsüchtigen Pilger von seiner Krankheit zu heilen vermag; oder in Dantes Göttlicher Komödie (1307), in dessen 24. Inferno-Gesang der Zustand des Sünders mit einem durch den Teufel verursachten Sturzanfall mit anschließender Desorientierung verglichen wird. Zudem fällt Dante selbst auf seinem Gang durch die Hölle und das Fegefeuer zumindest dreimal jählings zu Boden und ist für kurze Zeit bewusstlos – nicht zuletzt diese Szenen haben dazu geführt, in Dante ein (keineswegs bewiesenes) Beispiel aus der Schar der prominenten Epilepsiekranken zu sehen.

 

Gaius Julius Caesar - von Shakespeare als Staatsmann mit epileptischen Anfällen beschrieben

JuliusCaesar

 

An der Schwelle zur Neuzeit hat auch Shakespeare das Epilepsiemotiv benützt; am bekanntesten ist dabei die Beschreibung des epileptischen Anfalls des Protagonisten im Drama Julius Cäsar (1599). Weniger bekannt ist eine Szene aus Othello (1604), in der der dunkelhäutige venezianische General beim Anhören einer erschreckenden Nachricht zu Boden fällt, und der dabei stehende Zeuge (Jago) dies als epileptisches Geschehen benennt.

 

(Wird fortgesetzt)

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