Kunstsammlung
Das Epilepsiemotiv in der Literatur (II)
Thomas Mann Stefan Zweig Thornton Wilder
Während das Epilepsiemotiv in Antike, Mittelalter und beginnender Neuzeit in der nicht-medizinischen Literatur doch nur selten anzutreffen ist, stößt man in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten vergleichsweise häufig auf diese Thematik. Dabei wird erkennbar, dass für die Autoren nicht allein die Häufigkeit und Dramatik epileptischen Geschehens Gründe für die Einbeziehung der Krankheit in das literarische Schaffen war, sondern zunehmend die psychosozialen Auswirkungen, die die Epilepsie für die Betroffenen und ihre Angehörigen hatte. Dies wird nicht zuletzt in der literarischen Darstellung epilepsiekranker Kinder und Jugendlicher deutlich – z. B. bei dem Mädchen Nelly in Dostojewskijs Erniedrigte und Beleidigte (1861); dem Knaben Menuchim in Joseph Roths Hiob (1930); bei Matti in Stephan Andres’ autobiographischem Roman Der Knabe im Brunnen (1953); bei Useppe in Elsa Morantes La Storia (1974); bei Henriette in Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns (1967); bei dem Mädchen Bronja in André Gides Die Falschmünzer (1925); bei dem Jungen Jaime in Thornton Wilders Die Brücke von San Luis Rey (1927); beim autistischen Knaben Pokko in Peter Hertlings Das Windrad (1983); bei Battus in Christoph Ransmayrs Die letzte Welt (1988); bei Simon in William Goldings Herr der Fliegen (1954) oder beim jugendlichen Traska in Ralph Rothmanns Milch und Kohle (2002).
Es ist erstaunlich, wie oft dabei die jungen Epilepsiekranken von ihren Autoren als Lichtgestalten charakterisiert werden, als ein Prinzip des Guten.
Viele weitere Autoren (vor allem des 20. Jahrhunderts) haben das Epilepsiemotiv in ihren Werken verarbeitet; beispielhaft seien angeführt Thomas Mann (u. a. in Buddenbrooks [1901], Der Zauberberg [1924], Doktor Faustus [1947]); Franz Werfel in Höret die Stimme (1937); Christa Wolf (außer in Kassandra – s.o.) in Medea. Stimmen [1996]); Arnold Stadler in Mein Hund, meine Sau, mein Leben (1994); Tomas Bernhard in Amras (1964); Umberto Eco in Der Name der Rose (1980); Janet Frame u.a. in Wenn Eulen schreien (1957); Connie Palmen in Die Gesetze (1991); Pinhas Kahanowitsch in Die Brüder Maschber (1939/48); Siegfried Lenz in Die Deutschstunde (1968); Monika Maron in Animal triste (1996); Paolo Maurensig in Spiegelkanon (1996); Klaus Merz in Jakob schläft (1997) und in Im Schläfengebiet (1994); Robert Musil in Der Mann ohne Eigenschaften (1930/43); Masha Norman in ’Nacht, Mutter (1983); Martin Walser in Die Verteidigung der Kindheit (1991); Stefan Zweig in dem Gedicht Heroischer Augenblick (1986); John Griesemer in Rausch (2003).
Viele weitere Autoren (vor allem des 20. Jahrhunderts) haben das Epilepsiemotiv in ihren Werken verarbeitet; beispielhaft seien angeführt Thomas Mann (u. a. in Buddenbrooks [1901], Der Zauberberg [1924], Doktor Faustus [1947]); Franz Werfel in Höret die Stimme (1937); Christa Wolf (außer in Kassandra – s.o.) in Medea. Stimmen [1996]); Arnold Stadler in Mein Hund, meine Sau, mein Leben (1994); Tomas Bernhard in Amras (1964); Umberto Eco in Der Name der Rose (1980); Janet Frame u.a. in Wenn Eulen schreien (1957); Connie Palmen in Die Gesetze (1991); Pinhas Kahanowitsch in Die Brüder Maschber (1939/48); Siegfried Lenz in Die Deutschstunde (1968); Monika Maron in Animal triste (1996); Paolo Maurensig in Spiegelkanon (1996); Klaus Merz in Jakob schläft (1997) und in Im Schläfengebiet (1994); Robert Musil in Der Mann ohne Eigenschaften (1930/43); Masha Norman in ’Nacht, Mutter (1983); Martin Walser in Die Verteidigung der Kindheit (1991); Stefan Zweig in dem Gedicht Heroischer Augenblick (1986); John Griesemer in Rausch (2003).
Eine weitere Motivation, das Thema Epilepsie literarisch zu verarbeiten, findet sich bei selbst betroffenen Autoren.Wichtigster Vertreter dieser Gruppe ist ohne Zweifel F. M. Dostojewskij, der in vier seiner großen Romane diese Krankheit ausführlich thematisiert hat: Erniedrigte und Beleidigte (1861); Der Idiot (1968); Die Dämonen (1871); Die Brüder Karamasow (1878/80). Zuvor hatte bereits Karl Wilhelm Drais von Sauerbronn im 18. Jahrhundert seine eigene Epilepsie schriftstellerisch verarbeitet: Geschichte einer siebenjährigen Epilepsie (1798) – eines der ersten Beispiele einer Selbsterfahrungsliteratur, die vor allem in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Die Autorinnen und Autoren dieser Literaturgattung beschreiben entweder die Epilepsie eines Familienangehörigen (z. B. des eigenen Kindes – wie in Laura Doermers Moritz mein Sohn oder in Ursula Schusters Michaels Fall) oder aber das eigene Krankheitserleben (wie beispielsweise in Sue Cookes Zerzaustes Käuzchen oder in Hannelore Bichlers Der Blitz aus heiterem Himmel). In der Selbsterfahrungsliteratur (die übrigens heute ganz überwiegend von Frauen und nur sehr selten von Männern verfasst ist) resultiert die Motivation zum Schreiben in der Regel weniger aus einem literarischen Anspruch heraus als viel mehr aus dem bewussten oder auch unbewussten Wunsch nach Krankheitsbewältigung.












