Neue Auflage: Desitin Bildschirmschoner Kunstsammlung

Kunstsammlung

Epilepsie in der Bibel (II)

Transfiguration
Im 17. Kapitel (Vers 1 ff.) des Matthäus-, im 9. Kapitel (Vers 2 ff.) des Markus- und ebenfalls im 9. Kapitel (Vers 28 ff.) des Lukas-Evangeliums wird die Verklärung Christi geschildert, die Transfiguration. Alle drei genannten Evangelisten lassen im Anschluss an diese Verklärungsschilderung im selben Kapitel die Erzählung von der Heilung des "mondsüchtigen" (d. h. fallsüchtigen, epileptischen) Knaben folgen.

Einer der bedeutendsten Renaissance-Maler, Raffaelo Santi (gen. Raffael, 1483 – 1520), hat Verklärung und Heilungsszene in einem großartigen Kunstwerk zusammengefasst. Dieses mit ‚Transfiguration’ benannte Gemälde ist in der Kunstgeschichte das berühmteste, wichtigste und wohl auch eindrücklichste  Bild, auf dem ein epilepsiekranker Mensch dargestellt ist. Das 405 x 278 cm große Gemälde – das letzte, das Raffael gemalt hat (1519/20) – zeigt in der oberen Hälfte die Verklärung Christi (auf dem Berg Tabor). In der unteren wird dargestellt, wie ein verzweifelter Vater (rechts im Bild, grün gewandet) seinen mondsüchtigen (epileptischen) Sohn zu den Jüngern Christi bringt und sie um Hilfe für das Kind, das in seinen Anfällen "häufig ins Feuer oder ins Wasser fällt", bittet. "Aber", wie es dann bei Markus heißt, "sie hatten nicht die Macht dazu." Erst als Christus später hinzukommt, heilt er den Jungen durch eine Dämonenaustreibung (s. den Beitrag ‚Epilepsie in der Bibel [I]’ dieser Reihe).

Die Gleichsetzung von ‚mondsüchtig’ und ‚fallsüchtig’ (epileptisch) ist in der Zeit, in der Christus und die Evangelisten leben, nicht ungewöhnlich; ‚morbus lunaticus’ (‚Mondkrankheit’) war in der damals bestimmenden römischen Medizin eine sehr gebräuchliche Epilepsiebezeichnung.

Der kranke Junge ist auf dem Bild spärlich bekleidet dargestellt, die Muskeln seiner tonisch gestreckten Arme treten deutlich hervor, die Augen stehen in Schielstellung, Zunge und Lippen sind blau verfärbt. Der Anfallkranke ist in dem vom Maler festgehaltenen Augenblick nicht in der Lage, selbständig zu stehen, er wird vom Vater von hinten gestützt und gehalten. Auch wenn die Position der Arme (der rechte ist steil nach oben, der linke nach unten gerichtet) aus epileptologischer Sicht etwas ungewöhnlich anmutet, ist man doch versucht, einen (asymmetrischen) tonischen Anfall zu diagnostizieren. Aber bei der Betrachtung des Bildes interessieren eigentlich weniger die Anfallssymptome; es drängt sich vielmehr die Frage auf, was Raffael bewogen haben mag, diese beiden Szenen, die inhaltlich scheinbar nichts miteinander zu tun haben, in einem Gemälde zu vereinigen. Der Hinweis, dass die beiden Ereignisse von den Evangelisten in enger zeitlicher Abfolge geschildert werden, greift wohl zu kurz – man sucht doch nach tieferen Zusammenhängen. Die könnten bei erneuter Betrachtung des Bildes durchaus gegeben sein: Von den 19 Personen, die in der unteren Bildhälfte dargestellt sind, ist der anfallkranke Junge der einzige, der sein Gesicht nach oben gewandt hat, zu Christus in seiner Transfiguration. Von der Farbe der Gewandung (Christus und der Knabe) über die Richtungshinweise der ausgestreckten Arme verschiedener Personen und die szenische Aufstellung der Figuren bis zu dieser schon erwähnten Kopfwendung des Jungen weist alles auf eine Beziehung zwischen dem verklärten Christus in der oberen und dem epilepsiekranken Jungen in der unteren Bildhälfte hin. Doch worin könnte diese Beziehung bestehen? Hier helfen möglicherweise die Evangelientexte nochmals weiter. Bei allen drei Autoren werden die beiden Szenen (Transfiguration und ‚Mondsucht’-Heilung) eingerahmt von der ersten und zweiten Leidensankündigung Christi, die bei Matthäus z. B. so formuliert ist (Deutsche Einheitsübersetzung): "Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert werden, und sie werden ihn töten; aber am dritten Tag wird er auferstehen."

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Raffael im großen epileptischen Anfall mit Sturz, Bewusstlosigkeit und anschließender ‚restitutio ad integrum’ eine erscheinungsbildliche Parallele zum Tod und zur Auferstehung Christi sah. Wenn diese Überlegung zutrifft, dann sind die Transfiguration Christi als Vorwegnahme seiner Auferstehung und der epileptische Anfall des ‚mondsüchtigen’ Knaben symbolhaft aufeinander bezogen – der (große) epileptische Anfall in seinem episodenhaften, sich selbst begrenzenden Verlauf wird zur Metapher für die Auferstehung des Gekreuzigten.


 

Transfiguration: Detailansicht

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