Kunstsammlung
Das Epilepsiemotiv in der Literatur (III)
Es ist selbstverständlich, dass bei diesen Schilderungen der Schwerpunkt nicht auf einer detaillierten, medizinisch exakten Symptom-Beschreibung liegen kann – dies ist die Aufgabe von neurologischen Lehrbüchern. Der Anspruch des Dichters und Schriftstellers ist ein ganz anderer: Ihm kommt es auf Hintergründe an, auf die Einwebung eines dramatischen Geschehens in das Handlungsgefüge, auf die Beschreibung und Persönlichkeits- entwicklung einer Erzählfigur sowie auf die Auswirkungen der Krankheit und ihrer Symptome auf den Betroffenen, seine personale Umgebung und seine psycho-soziale Situation – einschließlich der Möglichkeiten einer Krankheitsbewältigung oder auch des Scheiterns in diesen Bemühungen.
Im Folgenden sind drei Beispiele von Anfallsbeschreibungen aus drei Jahrhunderten wiedergegeben – Beispiele, die alle von einem ‚Ich-Erzähler’ erlebt und geschildert werden:
18. Jahrhundert
"Ich tat zehn Schritte in tiefen Gedanken vorwärts, als mir ein tumultarisches Geschrei nachgeflogen kam. Ich horchte auf – mein Herz weissagte mir nichts Gutes ... Ich flog die Straße herab und gerade nach dem Orte zu, woher das Geschrei gekommen war.
Ein paar ‚Ach!’, die mir aus ein paar weiblichen Kehlen entgegentönten, machten meine Ahndung zur Gewissheit. Ich drang mich durch den dicken Haufen von Menschen durch, der in der größten Eile zusammengelaufen war, und sahe die arme, bedauerte Kreatur auf der Erde liegen, mit verzogenem Gesichte, Schaum vor dem Munde.
Eine so heftige Erschütterung hat meine Seele nie empfunden als bei diesem grauenvollen Anblicke. Ich stürzte mich mit der ungestümsten Hitze auf das Mägdchen los – ich fühlte mich so stark wie ein Riese – ich schloß sie fest in meine Arme und eilte mit ihr nach dem Gasthof ..."
Eine so heftige Erschütterung hat meine Seele nie empfunden als bei diesem grauenvollen Anblicke. Ich stürzte mich mit der ungestümsten Hitze auf das Mägdchen los – ich fühlte mich so stark wie ein Riese – ich schloß sie fest in meine Arme und eilte mit ihr nach dem Gasthof ..."
(Aus: Johann G. Schummel: Empfindsame Reisen durch Deutschland. Wittenberg und Zerbst, 1771/72)
In diesem Beispiel werden nur wenige Anfallssymptome geschildert (Fall, entstelltes Gesicht, Schaum). Der Schwerpunkt der Schilderung liegt – ganz dem Zeitgeist entsprechend – auf der Beschreibung der Betroffenheit des Zeugen, des Empfindens, des Mitleids, des Helfen-Wollens.
19. Jahrhundert
"In diesem Moment ging eine fürchterliche Veränderung mit Oscar vor. Seine Züge verzerrten sich zu einer Teufelsgrimasse, seine Augäpfel kehrten sich nach oben, dass man nur noch das Weiße sah, und sein ganzer Körper verdrehte sich von oben bis unten, als hätte ihn eine Riesenhand gepackt und wollte ihn wie ein nasses Handtuch auswringen. Eine Sekunde später wälzte er sich in Zuckungen vor uns auf dem Boden.
’Um Gottes Willen, was ist das?’ schrie ich auf.
’Um Gottes Willen, was ist das?’ schrie ich auf.
Der Arzt antwortete nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, um Oscars Krawatte zu lockern und die Möbel beiseite zu rücken, die den wild um sich schlagenden Armen und Beinen in die Quere zu kommen drohten. Dann richtete er sich auf und blickte stumm auf die sich windende Gestalt nieder.
’Können Sie weiter gar nichts für ihn tun?’ schrie ich außer mir. ... ‚Was ist es?’
‚Ein epileptischer Anfall.’"
(Aus: Wilkie Collins: Poor Miss Finch. England, 1872 (Dt. Titel: Lucilla. Frankfurt/M, 1971)
Mit dieser Schilderung kommt es dem Autor offensichtlich vor allem darauf an, die Beobachter der Szene (und damit auch den Leser) mit der Dramatik, mit den von Schreck und Furcht geprägten Emotionen, ja, mit dem Unfassbaren des Geschehens zu konfrontieren.
20. Jahrhundert
"Dann hörte ich ... einen Schrei, ein lautes tierisches Geheul, das mich wie ein Stromstoß durchfuhr. ... Ich lief [an den Rand der Terrasse] und sah auf die Straße hinunter, wo eine kleine Menschenmenge sich um eine junge Frau versammelt hatte, die auf dem Bürgersteig zusammengebrochen war. Blut lief über den Zement neben ihrem Kopf, und ihr Arm flog nach oben, als versuchte jemand, ihn ihr auszureißen. Ihr ganzer Körper wand sich in Krämpfen. Ihr Kleid hatte sich um ihre Hüfte gewickelt, so dass ihr Oberschenkel und der weiße Streifen ihrer Unterhose entblößt waren. ... Bei einem Krampf verlor das Mädchen einen Schuh, und ich sah einen Mann in der Menge sich bücken und ihn aufheben, aber als er ihn in der Hand hielt, zögerte er, offenbar unsicher, was er damit tun sollte. Er sah sich nach beiden Seiten um, dann kniete er sich in einer flinken Bewegung nieder und stellte ihn wieder auf den Boden. ... Eine Frau in einem roten Hemd hatte ihre Jacke ausgezogen und versuchte den Kopf des Mädchens damit abzupolstern, konnte sie aber nicht richtig hinlegen und schrie auf, als sie sah, dass der Kopf nach hinten schleuderte und wieder auf den Zement schlug. ... Dann sah ich, dass sie urinierte. Ein großer Fleck verdunkelte den Stoff ihres Kleides, und die Flüssigkeit floss über den Bürgersteig. ... Ihr Gesicht war mit zugewandt, und ich starrte es an. Es war geschwollen, rot und blutverschmiert. Ihre Augen waren offen, aber ausdruckslos."
(Aus: Siri Hustvedt: The Blindfold. New York, 1992 (Dt. Titel: Die unsichtbare Frau. Reinbek, 1995)
(Aus: Siri Hustvedt: The Blindfold. New York, 1992 (Dt. Titel: Die unsichtbare Frau. Reinbek, 1995)
Auch diese Episode ist gekennzeichnet durch Dramatik. Aber sie wird eher distanziert beschrieben, sehr realistisch, mit fast akribischer Detailtreue: die Unterhose, die Schuhszene, das rote Hemd, der Urinfleck. Die ich-erzählende Zeugin ist eher Reporterin als Mitleidende.
Diese Schilderungen aus drei Jahrhunderten zeigen, dass das Geschehen eines grand mal ganz unterschiedlich gesehen und erlebt werden kann. Künstler – in diesem Fall: schreibende Künstler – verdeutlichen es auf ihre Weise: Der epileptische Anfall ist kein für sich allein stehendes Ereignis, er bezieht den Beobachter, den Zeugen immer mit ein und wird so zu einem gleichzeitig ablaufenden aber unterschiedlich wahrgenommenen, verbindenden Thema zwischen mehreren Personen.
N.B.: Die drei dem Artikel beigegebenen Bilder zeigen die Cover der deutschen Ausgaben der beiden Bücher ‚Poor Miss Finch’ und ‚The Blindfold’ sowie die Darstellung eines epileptischen Anfalls aus dem ‚Buch der Eigenschaften der Dinge’ von Bartholomäus dem Engländer, 15. Jh.













