Kunstsammlung
Der epileptische Anfall im Bild (I)
Es gehört zu den wesentlichen Vorteilen moderner medizinischer Dokumentation, dass mit Hilfe der Filmtechnik Bewegungsabläufe exakt aufgenommen und beliebig oft wiedergegeben werden können. So ist es heute beispielsweise unschwer möglich, epileptisches Geschehen filmisch festzuhalten, durch wiederholte – auch verlangsamte – Wiedergabe genau zu analysieren, zu archivieren und z. B. zu Demonstrations-, Unterrichts- und Weiterbildungszwecken vorzuführen.
Eine solche Filmtechnik stand natürlich in früheren Zeiten nicht zur Verfügung; Dokumentation erfolgte durch das geschriebene Wort und durch Zeichnungen bzw. Gemälde. In aller Regel gaben dabei die Abbildungen mit Zeichenstift oder Pinsel nur Momente, also kurze, eng begrenzte Zeitabschnitte wieder. Gelegentlich kann man aber auch auf Darstellungen stoßen, die einen zeitlichen Ablauf abbilden, so z. B. die hier wiedergegebene (anonyme) Illustration zu dem Roman "Lucilla" (Originaltitel: "Poor Miss Finch") des englischen Erfolgsautors Wilkie Collins (s. Folge "Dichtkunst III" dieser Artikelserie).
Im Hintergrund des Bildes ist eine (männliche) Figur in vier aufeinander folgenden Haltungen zu sehen – sie bewegt sich aus der Senkrechten über zwei Schräglagen in eine liegende Position. Dieser Ablauf von der Vertikalen in die Horizontale wird durch den ocker-farbenen Balken eindrücklich verdeutlicht.
Die Textstelle des Romans, auf die sich diese Zeichnung bezieht, bestätigt die Vermutung: Dargestellt ist der Sturz in einem Grand mal-Anfall, den die männliche Hauptperson des Geschehens, Oskar, im Rahmen einer post-traumatischen Epilepsie erleidet.
Eben diese Person, Oskar, ist auch im Vordergrund des Bildes dargestellt – als gut gekleideter junger Mann, der Lucilla, seine Braut, am Arm führt. Auffallend ist die blaue Hautfarbe Oskars. Auch sie vermittelt uns ein sehr interessantes Detail aus der epileptologischen Szenerie der im Roman beschriebenen Zeit (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts): Obwohl zum Zeitpunkt der Handlung die Entdeckung des Bromkaliums als erstes objektiv wirksames Mittel gegen Epilepsie schon einige Jahre zurücklag (1857), wurden – vor allem außerhalb stationärer Einrichtungen – immer noch andere Substanzen als vermeintlich anfallshemmende, in Wirklichkeit aber unwirksame, Medikamente zur Epilepsiebehandlung eingesetzt, so z. B. Argentum nitricum, eine Silberverbindung, die bereits Paracelsus (1493 bis 1541) als "Antiepileptikum" in Gebrauch gehabt hatte. Von dieser Substanz war auch zur Zeit der Romanhandlung schon längst bekannt, dass eine ihrer Nebenwirkungen in einer schwarz-blauen Verfärbung der Haut bestand. Ein Epileptologe dieser Zeit (Wittmaack) setzte sich aber mit folgender Bemerkung über diese Begleiterscheinung des Silbernitrats hinweg: "Wenn das Silber die Fallsucht nur heilt – warum nicht lieber ein gesunder Halbmohr als ein traurig kranker Weisser sein?"
Aber – leider heilte das Silber die Epilepsie nicht! Man konnte sich bei seiner Anwendung tatsächlich nur auf die Nebenwirkung, auf die Blauverfärbung der Haut, aber keinesfalls auf einen antiepileptischen Effekt verlassen. So war es auch bei Oskar: Die livide Farbe seiner Haut wurde ein großes ästhetisches Problem – allerdings nicht für seine Braut! Sie war nämlich – die unnatürlichen, merkwürdig leeren Augen auf der Zeichnung verraten es – vollkommen blind! Dass Oskar deshalb der Augenoperation, die Lucilla wieder sehend machen sollte, mit sehr gemischten Gefühlen entgegen sah, ist verständlich – aber das ist eine andere Geschichte.












