Kunstsammlung
Der epileptische Anfall im Bild (II)
Die Aussagekraft eines Kunstwerks muss keineswegs immer von der langjährigen Erfahrung, von der Fähigkeit zur mentalen Durchdringung des Themas oder vom handwerklichen Können des Künstlers abhängig sein.
Auch dem Werk eines Kindes kann eine große inhaltliche Tiefe zukommen – so z. B. dem etwa 1970 entstandenen Bild des damals sechs-jährigen Thomas, der selbst an einer Epilepsie litt. Er und seine ebenfalls epilpsiekranken Klassenkameraden waren von ihrem Lehrer aufgefordert worden, den Anfall eines Mitschülers oder einer Mitschülerin, den sie selbst miterlebt haben, zu malen.
Thomas malt ein Mädchen, das im epileptischen Anfall zu Boden gestürzt ist; die Dramatik des Sturzes wird durch den umgeworfenen Hocker im rechten Vordergrund des Bildes verdeutlicht. Die Arme und Beine der Gestürzten sind in unnatürlicher Haltung leicht gebeugt und versteift weggestreckt. (Selbst die beiden Zöpfe des Mädchens zeigen eine extrem gestreckte ["tonische"] Position!) Aus dem Mund der Anfallskranken strömt Blut, das sich in einer Lache rechts vom Kopf des Mädchens sammelt. Die Größe dieser Lache, die gegenüber der Realität solcher durch einen Zungenbiss hervorgerufenen Blutungen deutlich übertrieben dargestellt ist, kann als Hinweis auf den erschreckenden Eindruck gewertet werden, den diese Blutung auf den kleinen Maler gemacht hat. Das rechte obere Viertel des Bildes wird von der gelb gemalten Sonne eingenommen, dem Sinnbild für Helligkeit, Leben und Lebensfreude. Aber: Der untere Teil der Sonne ist von einer mit kräftigen Strichen gemalten schwarzen Wolke überdeckt – so, als wollte Thomas sagen, dass dieser Anfall, diese Krankheit den Lebensweg des betroffenen Mädchens verdunkelt, die Lebensqualität einschränkt, die Alltagssituation verdüstert. Und doch, so wird vielleicht ein eher positiv denkender Beobachter registrieren, nicht die ganze Sonne ist überstrichen, sie ist noch gut zur Hälfte als leuchtende Scheibe erkennbar – so, als kämen auch dem Leben dieses betroffenen Mädchens noch durchaus hoffnungsvolle Aspekte zu.
Thomas, der kleine Künstler, mag diese Details des Bildes nicht in bewusster Überlegung oder mit absichtlichen Anspielungen wiedergegeben haben; aber die spontane Aussagekraft dieses Bildes des Kind-Künstlers steht kaum hinter der von professionellen Kunstschaffenden, die sich der Thematik der Krankheit Epilepsie und ihrer Auswirkungen annehmen, zurück.












