Kunstsammlung
Epilepsiepatronate (I)
Im christlichen Mittelalter erschöpft sich die Behandlung von Krankheit und Behinderung keineswegs in der Verabreichung von (meist pflanzlichen) Heilmitteln und anderen medizinischen Maßnahmen (z. B. Diätetik) – im Gegenteil: Die Kunst der Ärzte stand bei den Patienten und ihren Angehörigen keineswegs in hohem Ansehen. Andere Behandlungsstrategien rangierten in der allgemeinen Anerkennung oft vor den ärztlichen Bemühungen, insbesondere die Anrufung überirdischer Mächte – dies hieß für den mittelalterlichen Christen: Bitte um den Beistand Gottes.
Im Neuen Testament konnte der Bibelleser auch tatsächlich viele Hinweise auf die Macht Gottes über Krankheit und Not finden. Da der kranke und leidende Mensch aber in aller Regel nicht wagte, Gott selbst in seiner himmlischen Herrlichkeit um Hilfe anzugehen, wandte er sich an die Heiligen der Kirche, die mit ihrer Führsprache bei Gott für den Kranken Hilfe erlangen sollten.
Im Verlauf der Jahrhunderte waren dabei von den notleidenden Gläubigen unterschiedliche christliche Heilige für unterschiedliche Krankheiten und Behinderungen als zuständig erachtet worden – es hatte sich gewissermaßen eine Spezialisierung unter den heiligen Helfern entwickelt. Je schwerwiegender und gefährlicher eine Krankheit war, desto mehr Heilige waren als Patrone für sie zuständig. Für die "schedelnde (schüttelnde) Gottesstraf", die Epilepsie, standen etwa 40 heilige Helfer zur Verfügung; diese Zahl wurde lediglich von der der Pestheiligen übertroffen, deren es im christlichen Mittelalter mehr als 60 gab!
Valentin von Rätien (Holzskulptur aus der Valentinskirche in Meran-Obermais)
Der wichtigste "Epilepsiespezialist" in der 40-köpfigen Patronatsschar war (zumindest im deutschsprachigen Raum) der Heilige Valentin – wahrscheinlich (wie bereits in der Folge ‚Das Epilepsiemotiv in der sakralen Kunst’ dieser Reihe dargelegt wurde – s. dort) wegen seines Namens: ‚Valentin – fall net hin!’
Die Person dieses Heiligen historisch zu fassen, ist nicht ganz einfach – es gibt mehrere Heilige dieses Namens. Die beiden wichtigsten – insbesondere auch im Hinblick auf das Epilepsiepatronat – waren der Heilige Valentin von Terni, der um 270 n. Chr. in Rom als Bischof von Interamna (dem heutigen Terni) den Märtyrer-Tod starb, und der Heilige Valentin von Rätien oder Passau, der etwa 200 Jahre nach dem erstgenannten als Wanderbischof zwischen Donau und Alpen unterwegs war. Die Legenden dieser beiden Valentine haben sich seit dem 9. Jahrhundert vermischt, und nicht immer kann zweifelsfrei geklärt werden, welchem der beiden Heiligen eine bestimmte Abbildung oder Skulptur zuzuordnen ist.
Im Bereich des Rheinverlaufs gab es im Mittelalter zwei wichtige Wallfahrtsorte, die dem Hl. Valentin (von Terni) geweiht waren, und die von unzähligen Epilepsiekranken und ihren Angehörigen aufgesucht wurden: Rufach im Ober-Elsass und Kiedrich im Rheingau.
Das Wallfahrtsbild von Rufach (Holzschnitt, um 1480 entstanden) zeigt den Hl. Valentin im Bischofsornat. Er führt eine segnende Gebärde über zwei Personen aus, die – so lässt sich vermuten – nach Abklingen ihrer Anfälle bzw. nach der Kupierung des Anfallsgeschehens durch den Hl. Valentin erschöpft am Boden liegen (ein Junge und ein Mädchen, möglicherweise ein Geschwisterpaar). Im Hintergrund nähert sich ein älteres Paar mit Dankesgaben – vielleicht die Eltern der beiden Kranken. Dass die Heilung durch Bischof Valentin dauerhaft gelungen ist, deutet die Darstellung der beiden Tiere an (Schwein und Katze [?]), in die – nach dem bibelgestützten Glauben der mittelalterlichen Christen – die Krankheitsdämonen nach ihrer Austreibung aus dem Menschen hineinzufahren pflegen.
Dem Bild ist ein kurzer Text beigegeben, der – in die Sprache unserer Zeit transferiert – lautet: "Sankt Valentin, bitte Gott für uns in Rufach!"













