Kunstsammlung
Epilepsiepatronate (II)
Ikonographische Darstellungen des Heiligen Valentin mit seinem Attribut, dem Anfallkranken, sind vor allem in Süddeutschland, der Ostschweiz, in Österreich und in Italien häufig anzutreffen. Der kunstinteressierte Epileptologe achtet bei diesen Bildern, Skulpturen und Votivtafeln weniger auf den Heiligen als auf die ihm beigegebene anfallkranke Person.
Bei ihr handelt es sich oft um ein Kind (häufiger um einen Knaben); immer wieder werden aber auch erwachsene Personen (meist Männer) dargestellt.
St. Valentin und Anfallskranker (Kirche St. Valentin in Vilnöss, Südtirol, um 1500)
Aus medizinischem Blickwinkel betrachtet, ist es erstaunlich, wie unterschiedlich die Anfallsymptomatik gestaltet ist: Es können "große" und "kleine", tonische und atonische, fokale und generalisierte Anfälle unterschieden werden, und häufig sind assoziierte vegetative Symptome (wie z. B. Cyanose oder Hypersalivation) erkennbar. Die jeweiligen Künstler mussten also zu ihrer Zeit Kenntnisse über verschiedene Anfallformen bzw. -symptome gehabt haben.
Immer wieder finden sich in den Darstellungen auch Hinweise auf die soziale Situation des Anfallkranken, auf die beispielsweise seine Lokalisation und die künstlerische Ausfertigung im gesamten Bildkontext hinweisen können (z. B. "ganz am Rand" [s. die Darstellung in der Folge ‚Das Epilepsiemotiv in der sakralen Kunst’ von Lucas Cranach d. Ä.], im Hintergrund, ohne Beziehung zu anderen dargestellten Personen, mit verkleinerter [d. h. minderwertiger] Gestalt im Vergleich zum Heiligen oder zu anderen Bild-Figuren).
Ein besonderes Augenmerk verdient auch die Bekleidung des dargestellten Anfallkranken. (Hierauf wurde auch schon in der Folge ‚Epilepsie in der Bibel I’ hingewisesn – s. dort.) Nicht selten wird die "fallsüchtige Person" mit zerrissener Kleidung und/oder halbnackt gezeigt – ein auffallender Kontrast zu dem meist in prächtigem Ornat wiedergegebenen Bischof. Zerrissene oder (weitgehend) fehlende Kleidung ist in der Kunst des Mittelalters (und auch noch späterer Jahrhunderte) oft Hinweis auf den sozialen Status des so dargestellten Menschen: In zweifacher Weise ist er "arm dran" – arm einerseits, weil es ihm auf Grund seiner Krankheit oder Behinderung nicht möglich ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arm andererseits, weil er durch sein Leiden gebrandmarkt ist und nur am Rand der Gesellschaft existieren kann. Die Kleidung, als ein die soziale Schichtung kennzeichnendes Attribut, weist in ihrer Minderwertigkeit auf diese niedrige gesellschaftliche Ebene des Kranken hin.
St. Valentin segnet (heilt) einen Epilepsiekranken (Kirche St. Benedikten, Steiermark, um 1520)
Auch der Farbe der Bekleidung kommt nicht selten ein interessanter Aspekt zu: Häufig ist sie nämlich rot oder gelb. Solche "Signalfarben" sind gegen Dämonen gerichtet, sollen also die dargestellte Person vor Krankheitsdämonen schützen bzw. befreien. Schwarze Kleidung, der man ebenfalls nicht selten in solchen Darstellungen begegnet, ist Hinweis auf Schuld, Strafe, Buße. Der Kranke hat also Schuld auf sich geladen und wird zur Buße – so der mittelalterliche Glaube – mit der "fallenden Krankheit" bestraft. Handelt es sich um schwarz gekleidete Kinder, so deutet dies darauf hin, dass sich ihre Eltern in irgendeiner Weise schuldig gemacht haben.












