Kunstsammlung
Epilepsiebehandlung als Kunstmotiv
Epilepsiechirurgie ist keine Erfindung des 19. oder 20. Jahrhunderts. Schon in der Antike und in den anschließenden Jahrhunderten wurden Trepanationen durchgeführt, um eine Epilepsie zu beseitigen oder zu lindern. Die Überlegungen, die zu solchen heroischen Behandlungsversuchen führten, waren jedoch oft abergläubisch-mystischer Natur: Durch die Schädeleröffnung wollte man beispielsweise Krankheitsdämonen ein "Ausschlupfloch" oder giftigen, krankmachenden Dämpfen ein "Ausgangs-Ventil" schaffen. Gelegentlich basierten die operativen Maßnahmen aber auch auf den ätio-pathogenetischen Vorstellungen der entsprechenden medizin-historischen Epoche: In der griechischen und römischen Antike, als die Humoralpathologie das gedankliche Gerüst der Physiologie und Pathophysiologie bildete und man für die Entstehung epileptischer Anfälle das Übermaß an Schleim (Phlegma) im Gehirn verantwortlich machte, war die Entlastung des Schädelinnern mittels Trepanation durchaus konsequent. Ähnliches – nämlich die Umwandlung einer Dyskrasie (Ungleichgewicht der Körpersäfte) in eine Eukrasie (Säfte-Harmonie) – sollten auch das ebenfalls schon in der Antike praktizierte Brennen und Glühen bewirken.
Die "epilepsie-chirurgischen Maßnahmen" früherer Jahrhunderte haben ihren Niederschlag auch in der darstellenden Kunst gefunden – z. B.:
"Epilepticus sic curabitur" ("So wird ein Epilepsiekranker geheilt werden") ist die Miniatur in einer lateinisch geschriebenen medizinischen Sammelhandschrift übertitelt. Diese Schrift, die sich im Besitz des British Museum London befindet, kann ins 3. Viertel des 12. Jahrhunderts datiert werden. (Ihr anonymer Autor stützte sich bei ihrer Abfassung wahrscheinlich auf spätantike Quellen.) Das kleine Kunstwerk zeigt zwei Ärzte, die einen festgebundenen Epilepsiekranken durch einen blutigen Eingriff behandeln (offensichtlich durch Schneiden und Brennen – Kauterisation – gleichzeitig).
Auch operierende Scharlatane sind als Motive in die darstellende Kunst eingegangen. Schon der große arabische Arzt Rhazes (um 850 – 930) hat angemerkt: "Einige der Wunderheiler behaupten, die Fallsucht zu heilen und machen eine kreuzförmige Öffnung am Hinterkopf und geben an, etwas herauszunehmen, was sie vorher in der Hand gehalten haben." Ein solcher Scharlatan ist auf dem im Madrider Prado aufbewahrten Bild "Der Steinschneider" von Jan Sanders van Hemessen (ca. 1500 – 1565) dargestellt; er schnitt bei seinen bedauernswerten Patienten je nach Bedarf ‚Narrensteine’ oder ‚Fallsuchtsteine’ heraus.
Etwa ein halbes Jahrhundert zuvor war Hieronymus Bosch’s Werk "Das Steinschneiden", das ebenfalls im Prado hängt und eine vergleichbare Thematik zeigt, entstanden. Trotz des anders lautenden Titels schneidet hier der Quacksalber keinen Stein sondern eine Blume aus dem Kopf des epilepsiekranken (oder auch psychiatrisch kranken) Patienten. In kalligraphischer Schrift heißt es ober- bzw. unterhalb des runden Bildes. "Meester, snyt die keye ras – myne name is lubbert das" ("Meister, schneide die Steine heraus – mein Name ist Lubbert Dachs [entmannter Dachs]"). Die Benutzung des umgedrehten Weisheitstrichters und des geschlossenen Buches als unsinnige Kopfbedeckungen und die Verwendung des Namens ‚Lubbert’, der in der niederländischen Literatur oft Menschen gegeben wurde, die sich durch außerordentliche Dummheit auszeichneten, mögen wohl auf das törichte Verhalten der dargestellten Personen hinweisen.












