Kunstsammlung
Epilepsie in der Bibel (III)
Es ist ein ganz besonderer Glücksfall, dass die bemalte Decke der St. Martin-Kirche in Zillis (Schweiz, Kanton Graubünden) der Nachwelt erhalten geblieben ist. Die 153 quadratischen Tannenholz-Tafeln mit einer jeweiligen Kantenlänge von etwa 90 cm wurden im 12. Jahrhundert bemalt, wahrscheinlich zwischen 1130 und 1140. Die bunte Kirchendecke in Zillis ist die weltweit einzige ihrer Art, die die Zeit von der Romanik bis heute weitgehend unversehrt und nahezu unverändert überstanden hat.
105 der Tafeln stellen überwiegend Personen und Geschehnisse aus dem Neuen Testament der Bibel dar, nur einige wenige haben Szenen aus dem Alten Testament zum Thema. Dieser ‚Innere Zyklus’ wird von 48 randbildenden Tafeln umsäumt (‚Äußerer Zyklus’), auf denen Drachen, Sirenen und andere sagenhafte Wesen sowie erkennbare, überwiegend aber phantastische Tiergestalten dargestellt sind; nur ganz vereinzelt finden sich auf diesen Randtafeln einige Engel und menschliche Figuren.
Wann und wo auch immer dem leseunkundigen Volk des christlichen Mittelalters der Inhalt der Bibel, insbesondere das in den vier Evangelien geschilderte Leben Jesu Christi bildlich vermittelt werden sollte, spielten die Wunder, die der Gottessohn während seines irdischen Daseins vollbracht hatte, eine besondere Rolle – so auch in der Bilderwelt der Kirchendecke in Zillis. Unter anderen Wunderheilungen ist hier auch die Heilung des ‚mondsüchtigen’ Knaben dargestellt, wie sie im Markus-Evangelium (Mk 9, 14-27) geschildert wird Es handelt sich um die Tafel 106 der Bilderdecke.
Das Bild zeigt 5 Figuren: In der Mitte Christus (mit kreuz-geschmücktem Nimbus), links daneben ein nicht näher bezeichneter Jünger (mit einfachem Nimbus), rechts zwei Männer, die jeweils mit ihrem rechten Arm auf Christus weisen, und schließlich eine deutlich kleinere Person, die am Boden liegt.
Bildlich ist hier dargestellt, wie ein besorgter Vater (er ist ganz rechts zu sehen, neben einem nicht weiter zu identifizierenden Begleiter) seinen ‚mondsüchtigen’, d. h. epilepsiekranken Sohn zu Christus bringt – mit der Bitte, ihn zu heilen. Zuvor war die Bitte des Vaters um Hilfe bereits an die Jünger ergangen (Christus war erst später zu der Szene hinzugekommen), aber diese hatten sich nicht in der Lage gesehen, dem Jungen zu helfen. Möglicherweise weist die geballte Linke des Vaters auf diese erlittene Enttäuschung hin.
In dem Augenblick, da der Knabe vor Christus gebracht wird, "riss und zerrte ihn [der Geist] hin und her, so dass er zu Boden stürzte und sich schäumend herumwälzte" (Mk 9, 20). Eben diese Szene ist auf der Tafel festgehalten; der Junge liegt mit leicht torquiertem Körper und geöffneten, in Schielstellung befindlichen Augen auf dem Boden. Dabei fällt auf, dass die rechte Hand des Gestürzten unter dem linken Fuß Christi liegt. Zwei Deutungen sind für dieses Detail möglich: Entweder klammert sich der "krampfende" Junge mit seinen unkontrollierten Bewegungen an den "nächstbesten Gegenstand", oder aber – und diese Deutung scheint doch wahrscheinlicher – die so positionierte Hand stellt die "flehende Unterwerfung" dar, die der Sohn bzw. sein besorgter Vater Christus entgegenbringt.
Wie der Bibelleser weiß, hat Christus den Jungen durch eine Dämonenaustreibung (‚Exorzismus’) geheilt – diese "therapeutische Maßnahme" ist jedoch auf der Bildtafel in Zillis nicht mehr dargestellt.












