Neue Auflage: Desitin Bildschirmschoner Kunstsammlung

Kunstsammlung

Epilepsiepatronate (IV)

Neben dem bekanntesten und wichtigsten Schutzpatron gegen Epilepsie im christlichen Mittelalter, dem Heiligen Valentn (s. die Folgen ‚Epilepsiepatronate I – III’ dieser Serie), wurden auch zahlreiche andere Heilige um Hilfe gegen diese gefürchtete Krankheit angerufen; so z. B. die Heilige Anastasia, in deren Person sich die Legenden zweier Märtyrerinnen vermischen: Anastasia von Sirmium (Balkan) und Anastasia, die Römerin; für beide wird das Todesjahr 304 angegeben. Anastasia hatte im Mittelalter eine große Bedeutung als "Kopfheilige", also als Helferin gegen unterschiedliche Krankheiten und Leiden im Kopfbereich. Das Patronat, das vorwiegend im deutschen und dabei besonders im bayrischen Raum gepflegt wurde, beruht wahrscheinlich darauf, dass im Kloster Benediktbeuren, dem Zentrum des mittelalterlichen Anastasia-Kultes, eine Kopfreliquie der Heiligen aufbewahrt wird, möglicherweise aber auch darauf, dass ein einflussreicher Römer, der Anastasia und ihren drei Mägden in böser Absicht nachstellte, in Wahnsinn verfiel und ‚Tobsuchtsanfälle’ erlitt.


Anastasia

Obwohl im Mittelalter über die Ursache der ‚Fallsucht’ und ihren organischen Ausgangspunkt große Unklarheiten, mitunter auch abstruse Vorstellungen herrschten, galt sie doch überwiegend als eine ‚Kopfkrankheit’. So wurde Anastasia als Helferin gegen dieses Leiden angerufen, wie eine schöne Votiv-Tafel aus Benediktbeuren belegt:

In der oberen Bildhälfte ist links die Heilige Anastasia als Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen dargestellt, rechts ist die Gottesmutter wiedergegeben, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält. Unter dieser Pieta kniet ein Bittsteller (Vater des 'fallsüchtigen' Mädchens?). Links unten findet sich eine vergleichsweise realistische Ansicht der Klosteranlage in Benediktbeuren, und in der Mitte des Bildes hat der Künstler das kranke Mädchen im Anfall platziert. Besonders eindrücklich sind die Hand- und Fingerposition sowie die Gesichtszüge des Mädchens mit offenem Mund, aufgerissenen Augen und starrem Blick wiedergegeben; die in den großen Gelenken gebeugten Gliedmaßen lassen einen epileptologisch erfahrenen Betrachter möglicherweise an ein dissoziiertes Anfallsgeschehen (psychogener Anfall) denken.


Anastasia Ausschnitt

Der der Votivtafel beigegebene Text erläutert, dass eine "gewisse Person" (man vermied den Begriff ‚fallsüchtig’ o. ä., um nicht durch die Nennung der Krankheit diese herbeizuwünschen!) sich nach Benediktbeuren ‚verlobt’ (d.h. dort ein Gelöbnis abgelegt) und ganz offensichtlich die erbetene Hilfe erhalten hat.

(Bei der hier gezeigten Darstellung handelt es sich um eine Hinterglasmalerei – Original im Deutschen Epilepsiemuseum Kork – , die der zeitgenössische Künstler Friedbert Andernach, Freiburg, nach einer Holz-Votiftafel aus dem Jahr 1816 angefertigt hat.)