Neue Auflage: Desitin Bildschirmschoner Kunstsammlung

Kunstsammlung

Das Epilepsiemotiv in der Literatur (IV)

In sechs Romanen bzw. Erzählungen des epilepsiekranken russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewskij kommen fiktive Personen vor, die – wie ihr Schöpfer selbst – an epileptischen Anfällen leiden: Der alte Murin in "Ein junges Weib" (1847/1848), das junge Mädchen Jelena (‚Nelly’) in "Erniedigte und Beleidigte" (1861), die autobiographische Figur Fürst Myschkin in "Der Idiot" (1868), die kleine, unglückliche Lisa in "Der ewige Gatte" (1870) , der revolutionäre Ingenieur Kyrillow in "Die Dämonen" (1871) und schließlich der hintertriebene Diener Smerdjakow in Dostojewskij’s letztem Roman "Die Brüder Karamasow" (1878/1880).


Dostojewski

Immer wieder haben diese Romanfiguren bildende Künstler zu illustrativen Werken inspiriert. So entstand beispielsweise um 1943 eine Bleistift-Zeichnung des deutsch-amerikanischen Künstlers Fritz Eichenberg (1901 – 1990), die einen Anfall Smerdjakow’s zum Thema hat. Das Ereignis, das Eichenberg illustriert, hat im Roman Dostojewskij’s (in der deutschen Übersezung von Hans Ruoff) folgenden Wortlaut:

"Smerdjakow war aus irgendeinem Grund in den Keller gegangen und von der obersten Stufe heruntergefallen. Zum Glück war Marfa Ignatjewna zufällig auf dem Hof gewesen und hatte es rechtzeitig gehört. Sie hatte ihn nicht stürzen sehen, dafür aber seinen Schrei gehört, einen eigenartigen, seltsamen, ihr jedoch schon längst bekannten Schrei – den Schrei des Epileptikers, der im Anfall hinstürzt. ..... Man fand ihn auf dem Boden des Kellers liegen, er wand sich in Krämpfen und Zuckungen und hatte Schaum vor dem Munde."


Smerdjakow

Der Leser erfährt gegen Ende des Romans, dass der beschriebene Anfall des epilepsiekranken Smerdjakow dieses eine Mal kein ‚echter’ sondern ein vorgetäuschter, ein simulierter Anfall war. Die Zeichnung Fritz Eichenbergs macht dies in der Tat auch deutlich: die verschlungenen Beine, der theatralische Griff zum Hals, die geschlossenen Augen, die trotz des hohen Treppensturzes fehlenden Verletzungen – all dies macht klar, dass Smerdjakow diesen Anfall lediglich ‚gespielt’ hat.

(Der Grund für dieses Täuschungsmanöver lag darin, dass Smerdjakow für den Zeitpunkt, an dem er seinen Vater, den alten Karamasow, ermorden wollte, ein Alibi brauchte. Und alle, die Smerdjakow und seine epileptischen Anfälle kannten, wussten, dass dieser nach einem seiner